Grenzraumgeschichte am St. Germanshof

Vom einen Europa zur Europäischen Union: 1215 Jahre Geschichte der Grenze am St. Germanshof.

Der rund 40 Einwohner zählende St. Germanshof ist ein Ortsteil der Gemeinde Bobenthal, Region Westpfalz. Wenn man sich mit diesem, direkt an der deutsch-französischen Grenze gelegenen Ortsteil befasst, ist eine grenzüberschreitende Betrachtungsweise unerlässlich, um seine Entstehung und lange Geschichte zu verstehen. Im Kern ging es stets um eine Kapelle, eine Burganlage und - an ihrer Stelle - die Hofanlage. Gaststätte, Friedhof, Zollhäuser, Sägewerk usw. sind erst im 20. Jahrhundert hinzu gekommen.

  • Ursprünge und Konflikte im Mittelalter

    Am Ort der heutigen Stadt Weißenburg befand sich zunächst nur das um die Mitte des 7. Jhdt. gegründete Kloster Weißenburg, das ab dem 8. Jhdt. ein Benediktinerkloster war. Aus der Zeit Karls des Großen, in einer Zeit eines einigen Reichs inmitten Europas, stammt die Kapelle, die im Jahr 803 an der Stelle der heutigen Wallfahrtskapelle errichtet wurde. Gut 250 Jahre später wurde die Propstei St. German von der Abtei Weißenburg gegründet - zunächst zur Bewirtschaftung des klostereigenen Landes, später auch zur Sicherung des Klosters nach Westen - gemeinsam mit drei anderen Propsteien im Norden, Süden und Osten, die mit der Zeit immer mehr befestigt wurden. Im Weißenburger Krieg - auch als Weißenburger Stiftsfehde bekannt - den Kurfürst Friedrich I. der Siegreiche gegen die Abtei und Stadt Weißenburg führte, wurden zwischen 1469 und 1471 einige dieser Propsteien stark beschädigt.

    Die Kapelle wurde Ende des 15. Jhdt. durch den Raubritter Johann von Drodt, Herr der Burg Berwartsein, zerstört. Während des Pfälzischen Erbfolgekrieges ließ Ludwigs XIV sämtliche Städte, Burgen und Schlösser am Rhein und in der Pfalz zerstören. In Folge des Friedens von Rijswijk 1697 wurden die nördlich angrenzenden Gebiete dem französischen Königreich einverleibt. Eine neue Kapelle wurde 1725 auf Geheiß des polnischen Königs Stanislas Leszcynski errichtet, der in Weißenburg im Exil lebte. Während der französischen Revolution wurde die Kapelle zu einer Scheune für Heu umgewandelt. Um 1803 ließ Pfarrer Oberlé von Weißenburg die Kapelle restaurieren. Nach der Niederlage Napoleons wurde St. Germanshof mit dem gesamten Kanton Dahn der bayerischen Pfalz zugeordnet. Im Jahre 1856 erhielt der Ort Weiler eine eigene Kirchengemeinde und die Kapelle wurde zur Gemeindekirche.

  • Die Zeit der großen Kriege (1870-1945)

    Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 betraf zwar nicht direkt den St. Germanshof, aber das benachbarte Weißenburg. Die Verluste der Schlachten waren gewaltig. Bei der Schlacht von Weißenburg am 3.8.1870 kamen 1.000 deutsche und 700 französische Soldaten ums Leben. Die noch verlustreichere Schlacht bei Woerth vom 6.8.1870 endete mit 25.000 Toten und Verwundeten. Mit dem Frieden von Frankfurt 1871 wurden das Elsass mit Weißenburg und Lothringen dem neu gegründeten Deutschen Kaiserreich angegliedert. 1918 wurde das Gebiet wieder französisch.

    In der Zeit um den Ersten Weltkrieg wurde am St. Germanshof ein Sägewerk eingerichtet. Seit 1911 ist dort ein Gaststättenbetrieb bekannt. Im Jahre 1915 kam es zur Einrichtung eines Kriegsgefangenenlagers mit Lazarett bei Weiler unweit der Kapelle. Hierhin kamen jene Gefangenen, die zu schwach waren, um in den Gruben der Saar zu arbeiten. Sie wurden für die Arbeit auf den Feldern und in den Weinbergen eingesetzt. 165 von ihnen überlebten diese Zeit nicht und ihre Namen finden sich heute auf den Kreuzen und Stelen des nationalen Friedhofes wieder. St. Germanshof befand sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, zwischen der Siegfried-Linie und der Ligne Maginot, sozusagen zwischen den „Fronten“. Von 1940 bis 1944/1945 waren die Stadt Weißenburg und das Elsass vom Deutschen Reich annektiert. Im März 1945 wurden die Stadt und das Umland im Rahmen der Operation Undertone von US-Truppen erobert.

  • Gebietsstreitigkeiten und Versöhnung

    Ab 1950 wurde der Wallfahrtsort von Weiler der Begegnungsort für die Versöhnungsbewegungen Pax Christi zwischen Franzosen und Deutschen. Von beiden Seiten der Grenze kamen zahlreiche Pilger, deutsche und elsässische Priester und Bischöfe um gemeinsam für Frieden zu beten. Am 6. August 1950 war St. Germanshof europaweit in den Schlagzeilen, als dort 300 europabegeisterte Demonstranten die französischen und deutschen Schlagbäume zerstörten und die europäische Flagge hissten. Am 11. Mai 1952 fand die erste große Pax Christi Wallfahrt statt, die 5.000 Pilger hierher führte.

    Da war da noch ... der Mundatwald:
    Die französische Besatzungsbehörde verleibte 1949 ein Gebiet im deutschen Teil des Oberen Mundatwalds dem französischen Staatsgebiet ein. Ziel war die Sicherstellung der Wasserversorgung für Weißenburg. Rechtlich abgesichert wurde dies durch die Verordnung Nr. 212 über Grenzberichtigungen vom 23. April 1949, welche von deutscher Seite nie offiziell unterzeichnet wurde. Nach deutscher Grenzversion wäre St. Germanshof somit in Deutschland geblieben. Trotz diesen Irrtums übernahm Frankreich wenig später "vorübergehend" die Gebietshoheit. D-Mark wurden in Francs umgetauscht, Steuerzettel kamen gleichzeitig auf deutsch und auf französisch. Nach verschiedenen Verhandlungen über den Status des Gebiets und dem Abschluss mehrerer Einzelverträge, um u.a. den Deutschen den zollfreien Holztransport durch das französische Gebiet zu ermöglichen, wurde 1984 die endgültige Einigung erzielt. Frankreich erklärte sich mit der Aufhebung der Verordnung einverstanden. Im Gegenzug verpflichtete sich Deutschland, die Französische Republik als Grundbesitzerin über das fraglichen Gebiet ins Grundbuch einzutragen. Frankreich erhielt zudem die unbefristeten Holz-, Jagd- und Wasserrechte für das Gebiet. Seit 1986 ist der Obere Mundatwald wieder uneingeschränkt deutsches Hoheitsgebiet.

  • Offene Grenzen, Erinnerung und Dialog

    Gemäß des bereits 1985 geschlossenen „Schengen I“- Abkommens entfielen schließlich die Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Frankreich am 26.3.1995, so auch am St. Germanshof. Das ehemalige deutsche Zollhaus ist heute - nach mehreren anderen privaten Eigentümern - im Besitz eines Teilnehmers des Studentensturms von 1950.

    Auf Initiative von Dr. Herbert Breiner und seiner Mitstreiter wurde am St. Germanshof ein aus zwölf Sandstein-Stelen bestehendes Europa-Denkmal errichtet, das am 9. September 2007 in Anwesenheit von H. Regionalratspräsident Adrien Zeller eingeweiht wurde. Am 11.11.2010 - dem Jahrestag des Endes des 1. Weltkriegs - wurde der restaurierte nationale Friedhof eingeweiht und zur Nationalen Nekropole erhoben. Seit 2013 hat das Ensemble des Chawwrusch-Theaters mehrmals das Stück „Eine Nacht im August“ aufgeführt, das viel Zuspruch erfuhr. Es behandelt die Ereignisse des 6. August 1950.

    In Zeiten, in denen die europäischen Integration zunehmend Unterschiede in der Haltung vieler EU-Staaten hat deutlich werden lassen – die einen wollen mehr Integration, die anderen sehen Überregulierung, Bürokratie etc. sketpisch – ist ein Dialog der Bürger und der Jugend immer wichtiger. Viele halten das Projekt „Europa“ für zu wichtig, um es der Politik alleine zu überlassen. Dabei wird der St. Germanshof immer öfter als Symbol für ein Europa der Bürger und ist Ziel von Demonstranten, Wanderungen, Veranstaltungen. Nicht umsonst heißt der Platz des Europa-Denkmals „Place de la Marche vers l’Europe“. Der St. Germanshof wird zur Europäischen Begegnungsstätte.

  • Alte Postkarte Germanshof Geschichte
    Historische Postkarte
    St. Germanshof
  • Postkarte Germanshof Geschichte

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Karte St. Germanshof Westpfalz

Weißenburg

Am Ort der heutigen Stadt befand sich zunächst nur das um die Mitte des 7. Jhdt. gegründete Kloster, das ab dem 8. Jhdt. ein Benediktinerkloster war. Die später befestigten Propsteien St. German, St. Panthaleon, St. Rémi und St. Paul wurden um 1055 als Priorate zur Bewirtschaftung des Landes und zur Sicherung der Abtei gegründet.

St. Rémi

Von der ehemaligen Niederungsburg, welche ursprünglich als Propstei im Osten der Abtei Weißenburg gegründet wurde, sind die Überreste eines trapezförmigen Saalbaus sichtbar. Sie wurde im Weißenburger Krieg erstmals zerstört, wiederaufgebaut und 1830 erneut zerstört. Der Raubritter Johann von Drodt nahm zu seiner Zeit die Burg in Besitz und plünderte von dort die Dörfer der Region.

St. Paul

Wird auch „Paulinerschloss“ genannt. Von der ehemaligen mittelalterlichen Turmburg im Norden Weißenburgs blieb nur ein dreigeschossiger Turm erhalten. Die Burg, zu der früher auch eine Kapelle gehörte, wurde im 11. Jahrhundert als Priorat zur Sicherung der Abtei Weißenburg erbaut und erstmals im Weißenburger Krieg 1470 zerstört, wiederaufgebaut und im Bauernkrieg 1522/23 erneut zerstört.

St. Panthaleon

Die vierflüglige, befestigte Propstei im Süden Weißenburgs wurde im 11. Jahrhundert erbaut und am 15. April 1470 zerstört. Die Propstei diente im Umfeld der Abtei Weißenburg zur Bewirtschaftung umliegender Ländereien. Es sind keine sichtbaren Überreste des "Vierturms" vorhanden.

Burg Berwartstein

Burg Berwartstein

Ende des 15. Jhdt. residierte der Raubritter Johann von Drodt, auch "Hans Trapp", auf der Burg Berwartstein. Kurfürst Friedrichs Adoptivsohn Phillipp II setzte ihn auf der Burg ein, die bis dahin der Abtei von Weißenburg gehört hatte. Bekannt wurde Hans durch seine Feindschaft mit dem Kloster Weißenburg. Er ließ beispielsweise die Lauter aufstauen und anschließend die Deiche niederreißen, womit er die tiefer gelegen Viertel Weißenburgs überschwemmte.

St. Anna Kapelle

Der Raubritter Johann von Drodt versetzte die Bewohner von Weißenburg und der Nachbarorte in Angst und Schrecken. Er verbot u.a. den Städtern, in ihren eigenen Wäldern zu jagen. Er erpresste Reisende, Händler, Bauern und Winzer. Obwohl er in Rom vor Gericht gestellt und vom Papst Innocent VIII exkommuniziert wurde, ging er bis zu seinem Tod 1503 auf Raubzüge. Er wurde in der St. Anna Kapelle beigesetzt.

Nationale Nekropole

Die Namen der verstorbenen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges finden sich heute auf den Kreuzen und Stelen des Friedhofs wieder. Darunter vor allem Russen aus Sibirien, Italiener, nordafrikanische Soldaten, die für Frankreich kämpften uvm. Daher finden sich dort auch Grabsteine orthodoxer Christen wie auch von Muslimen.

Kapelle Notre Dame

Im August 1950 rückten die Zollhäuser am St. Germanshof an der deutsch-französischen Grenze in europapolitisches Interesse, als dort junge Menschen erstmals für ein föderales Europa demonstrierten. Die Geschichte des St. Germanshofs begann jedoch schon viel früher mit der Errichtung einer Kapelle im Jahre 803 an der Stelle der heutigen Wallfahrtskapelle Notre Dame.

St. German

Die als Absicherung nach Westen konzipierte Anlage St. German beim heutigen St. Germanshof wird in der Literatur als „Waldfeste“ bezeichnet. Reste von Quadern und Schießscharten befinden sich noch im Keller des St. Germanshofs. Erbauer war Abt Samuel aus Weißenburg. Die Burg wurde vermutlich 1470 im Weißenburger Krieg zerstört.

  • Weißenburg

    Am Ort der heutigen Stadt befand sich zunächst nur das um die Mitte des 7. Jhdt. gegründete Kloster, das ab dem 8. Jhdt. ein Benediktinerkloster war. Die später befestigten Propsteien St. German, St. Panthaleon, St. Rémi und St. Paul wurden um 1055 als Priorate zur Bewirtschaftung des Landes und zur Sicherung der Abtei gegründet.

  • St. Rémi

    Von der ehemaligen Niederungsburg, welche ursprünglich als Propstei im Osten der Abtei Weißenburg gegründet wurde, sind die Überreste eines trapezförmigen Saalbaus sichtbar. Sie wurde im Weißenburger Krieg erstmals zerstört, wiederaufgebaut und 1830 erneut zerstört. Der Raubritter Johann von Drodt nahm zu seiner Zeit die Burg in Besitz und plünderte von dort die Dörfer der Region.

  • St. Paul

    Wird auch „Paulinerschloss“ genannt. Von der ehemaligen mittelalterlichen Turmburg im Norden Weißenburgs blieb nur ein dreigeschossiger Turm erhalten. Die Burg, zu der früher auch eine Kapelle gehörte, wurde im 11. Jahrhundert als Priorat zur Sicherung der Abtei Weißenburg erbaut und erstmals im Weißenburger Krieg 1470 zerstört, wiederaufgebaut und im Bauernkrieg 1522/23 erneut zerstört.

  • St. Panthaleon

    Die vierflüglige, befestigte Propstei im Süden Weißenburgs wurde im 11. Jahrhundert erbaut und am 15. April 1470 zerstört. Die Propstei diente im Umfeld der Abtei Weißenburg zur Bewirtschaftung umliegender Ländereien. Es sind keine sichtbaren Überreste des "Vierturms" vorhanden.

  • Burg Berwartstein

    Burg Berwartstein

    Ende des 15. Jhdt. residierte der Raubritter Johann von Drodt, auch "Hans Trapp", auf der Burg Berwartstein. Kurfürst Friedrichs Adoptivsohn Phillipp II setzte ihn auf der Burg ein, die bis dahin der Abtei von Weißenburg gehört hatte. Bekannt wurde Hans durch seine Feindschaft mit dem Kloster Weißenburg. Er ließ beispielsweise die Lauter aufstauen und anschließend die Deiche niederreißen, womit er die tiefer gelegen Viertel Weißenburgs überschwemmte.

  • St. Anna Kapelle

    Der Raubritter Johann von Drodt versetzte die Bewohner von Weißenburg und der Nachbarorte in Angst und Schrecken. Er verbot u.a. den Städtern, in ihren eigenen Wäldern zu jagen. Er erpresste Reisende, Händler, Bauern und Winzer. Obwohl er in Rom vor Gericht gestellt und vom Papst Innocent VIII exkommuniziert wurde, ging er bis zu seinem Tod 1503 auf Raubzüge. Er wurde in der St. Anna Kapelle beigesetzt.

  • Nationale Nekropole

    Die Namen der verstorbenen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges finden sich heute auf den Kreuzen und Stelen des Friedhofs wieder. Darunter vor allem Russen aus Sibirien, Italiener, nordafrikanische Soldaten, die für Frankreich kämpften uvm. Daher finden sich dort auch Grabsteine orthodoxer Christen wie auch von Muslimen.

  • Kapelle Notre Dame

    Im August 1950 rückten die Zollhäuser am St. Germanshof an der deutsch-französischen Grenze in europapolitisches Interesse, als dort junge Menschen erstmals für ein föderales Europa demonstrierten. Die Geschichte des St. Germanshofs begann jedoch schon viel früher mit der Errichtung einer Kapelle im Jahre 803 an der Stelle der heutigen Wallfahrtskapelle Notre Dame.

  • St. German

    Die als Absicherung nach Westen konzipierte Anlage St. German beim heutigen St. Germanshof wird in der Literatur als „Waldfeste“ bezeichnet. Reste von Quadern und Schießscharten befinden sich noch im Keller des St. Germanshofs. Erbauer war Abt Samuel aus Weißenburg. Die Burg wurde vermutlich 1470 im Weißenburger Krieg zerstört.

Adresse

Aktionsgemeinschaft Bobenthal – St. Germanshof e.V.
Schloßstraße 32
66994 Dahn
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